Boca. Calypso. Companion. In Wien.
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Aktualisiert: vor 22 Stunden
Von der Lust, mit allen Sinnen zu genießen
ANREISE
Was war hier vorher? Das frage ich mich, als ich an einem der ersten heißen Frühsommertage 2026 von der inneren Mariahilfer Straße aus über den dicht befahrenen Gürtel blicke. Ja, der Stadt-IKEA, den habe ich natürlich mitbekommen. Aber was ist das „gschreams“ gegenüber? Ein schönes Zinshaus – so viel kann ich von hier aus sehen. Auf die Anfrage an meine Cousine, eine ausgewählte Stimme in Bezug auf so ziemlich alle Wien(tourismus)-Angelegenheiten, nach einem Hotel, das sie aktuell empfehlen kann, kommt die Antwort kurz und bündig: „Companion. Das musst du machen.“

EINTRITT
Noch mal den Kopf schüttelnd darüber, dass ich dieses Eck am Westbahnhof wirklich nie wahrgenommen habe, wenngleich ich hier tausend Mal entlanggerollt bin – der Fahrradweg führt direkt daran vorbei – steuere ich mit Stephanie, die in Wien einen Vortrag halten wird, auf die Eingangstür zu. Der ausgerollte Teppich ist blau statt rot. Der erste Hinweis, der erste mediterrane Wimpernschlag. Von einer knallheißen, lautstarken Umgebung kommend, empfängt uns die Lobby mit einer multisensorischen Umarmung. Kühl, aber nicht kalt, leise, aber nicht still. Dass hier schon die ersten Düfte aus der Küche aufzuspüren sind, erklärt sich wenige Schritte später. Selbige gleicht einer fein säuberlich aufgeräumten Werkbank, die abends zum Schauplatz der Speisen werden wird. Sie ist zu einem Gutteil einsehbar, der bestuhlte Restaurantbereich ruht in der Mitte und wird von einer mit unzähligen Leuchtkörpern versehenen Kugelbeleuchtung prachtvoll in Szene gesetzt. Der vorauseilende Gruß aus der Küche ist also schon ein architektonischer Augenschmaus.

UPSTAIRS
Zunächst allerdings checken wir ein. Für die Zimmer im dritten Stock überreicht uns die Person am Empfang Kuverts mit Schlüsselkarte. Als ich meins öffne, schaut mich ein Spruch an: „Here’s to unlocking great memories“. Ich schmunzle. Trotz Neugier aufs Stiegenhaus nehmen wir vorerst den Lift. Und was ist da los? Sind wir im Spiegelkabinett des Wiener Würstelpraters gelandet oder in der futuristischen Umkleidekabine einer New Yorker Modeboutique? Zeit für ein erstes Selfie. „Is this real?“ Ein Foto liefert zumindest ein Beweismittel für die Existenz dieses Liftes.

Das Zimmer also. Es ist wohl klimatisiert, ohne den unangenehmen Zug einer Klimaanlage. Es ist ruhig und behaglich. Ich lasse mich rücklings auf das Bett fallen und werde liebevoll von der Matratze aufgefangen. Am Rücken liegend betrachte ich eine von der Decke hängende Lampe, einer überdimensionalen Perlenkette gleich. Erneut Blau. Bin ich auf hoher See in der Suite-Kabine eines Dampfers, der mich über das Meer bringen soll? Wohin? Erst mal zum Abendessen.

INNENHOF
Der Gastgarten empfängt uns warm und großzügig. Ein prachtvoller Innenhof. Ist das wirklich Wien? Wir könnten auch an der Riviera sein oder an der Côte d’Azur, am Mittelmeer. Die fast beiläufig am Rand stehenden Palmen wiegen ihre Blätter sanft im Takt des langsamer werdenden Tages und flüstern mir ein leises „Ciao“ ins Ohr. Das Terrakotta-Farbspektrum schmückt die Oberflächen der Holzwände und der Blumentöpfe. Dazwischen das satte Grün steinerner Tische. Alles scheint dieFarben des Südens zu atmen. Selbst die Luft riecht nach Mittelmeer. Ein riesengroßer Baum überragt das Hotel. Wachstum und Geborgenheit.

Der Blick durch die offene Haustüre ins Stiegenhaus hält den Gegenpol bereit: industrial raw, rohes Metall, unverputzte Wände – entworfen von Piotr Wiśniewski, weStudio Berlin. Stephanie schmunzelt und freut sich über diesen Gruß aus Berlin. Unser Tisch steht bereits gedeckt in einer der kleinen Buchten des Innenhofs. Martin ist der Erste, der uns begrüßt. „Bis Elin wegen des Weins zu euch kommt, darf ich einen Aperitif empfehlen?“ Ausgesprochen gerne. Es folgen zwei alkoholfreie Grüße aus der Bar: für Stephanie eine erfrischend sommerliche Eigenkreation mit feinen Limonennoten und Rosmarin, für mich eine italienische Aperitif-Neuheit mit vermouthartigen Bitternoten.
DER WEIN

Wenige Minuten später ist Elin bei uns. Wiederholt ist es für mich eine Freude, nach über einem Jahrzehnt in der Weinbranche zu sehen, dass der Nachwuchs in Sachen Sommellerie langsam aber sicher weiblich ist. Es ist nach Berlin, Mainz und Graz das vierte Lokal in Folge, wo mich eine Weinfachfrau in die Weinkarte einführt. Auch ihre Arme und Hände sind, wie bei den drei Frauen davor, von kunstvollen Tattoos geschmückt. Elin strahlt eine Kompetenz aus, die sie uns am Tablett ihres Lachens serviert. „Aktuell ist die Karte recht klein. Wir haben erst seit vier Monaten geöffnet. Der Schwerpunkt soll erst mal das Konzept der Küche widerspiegeln. Mediterran, welcoming, easy. Mit Anspruch.“

Auf ihre Auswahl von Natur- und Schaumweinen angesprochen, bekennt sie schmunzelnd ihre Liebe für Winzer:innenchampagner und Winzer:innensekt. „Die bekommen sicher einige Positionen auf der Weinkarte“. Sie erzählt von den Naturwein-Tastings der letzten Tage, aktuell degustiert sie sich durch die südlichen Länder. In der nächsten Zeit werden also mehr Naturweine auf die Karte kommen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Das wird ein guter Grund von vielen sein, wieder hierher zu kommen.
Los geht es mit dem ersten Gang. Dem Vorspiel, dem Aufwärmen. Jedes Restaurant muss sich an der ebenso ruralen, naturalen wie nährenden Goldstandard-Vorspeise fast aller Speisekarten von Brasserie über Bistros bis hinein ins Fine Dine messen: Sauerteigbrot und Butter. Was hier serviert wird, werden wir nachbestellen. Nicht nur, aber auch dank Zitronenabrieb und Fleur de Sel – ein Genuss!

FOOD-THERAPY
Dass Essen nicht für alle Menschen ein Genuss ist, weiß Stephanie aus ihrer psychotherapeutischen Praxis. Scham und Kontrolle, Hunger und Angst sitzen unsichtbar mit am Tisch. Dieser Ort hier will das Gegenteil. Lauryn, die Küchenchefin und das Mastermind hinter dem ganzen Restaurantkonzept, sagt nachdrücklich: „We want to encourage a little bit of play!” Alle sollen ausprobieren dürfen, ohne Urteil, ohne Zugangsbarrieren, ohne Expertise. Menschlich und echt soll es sein. Beim Essen, wie auch unter den Kolleg*innen. Essen als Therapie.
CHEFSTABLE
Wie kommt das? Für diese Erklärung erscheint Lauryn Therin, Küchenchefin und F&B-Direktorin, an unserem Tisch. Sie gesteht, sich schon auf das Gespräch mit uns gefreut zu haben, denn ihr Interesse ür Gastronomie geht weit über Essen und Trinken hinaus. Kein Wunder, wenn man ihre Geschichte hört: Erst als Diskus- und Speerwerferin auf internationalem Niveau, dann im Bob für Großbritannien, ehe sie auch noch in den Bahnradsport wechselte. Nach internationalen Erfolgen in drei Sportarten beendete sie ihre Karriere. Essen hatte bis dahin in Lauryns Leben eine klare Funktion. Kalorien, Makros, Timing. Alles unter Kontrolle.

Dann schenkte ihr ihre Schwester ein Ottolenghi-Kochbuch. Lauryn verliebte sich neu. In das Kochen. Und ihr Sportlerinnenherz entflammt. Sie kochte sich durch die Rezepte und die Karriereleiter hinauf. Bis sie in Ottolenghis Testküche ankam, wo sie zuletzt als Head Chef für Rezepte und Kochbücher zuständig war. Wie im Sport wechselte sie den Schauplatz und ging zu NENI. Sie eröffnete mit Haya Molcho mehrere Restaurants in Europa und kam schließlich nach Wien. Während wir gemeinsam ein Glas Winzer-Champagner trinken, erzählt uns Lauryn diese fast unwirkliche Geschichte. Ihr gesteigertes Interesse für Psychotherapie und ihre Freude darüber mit uns ins Gespräch zu kommen, rührt daher, dass sie in ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Kochen verstehen wollte, warum Menschen so unterschiedliche Beziehungen zum Essen entwickeln. Daraus entstand ihre Idee von „Food Therapy“ als eine emotionale, individuelle Beziehung zu Essen statt einer evidenzbasierten Ernährungsberatung.

Lauryn spricht leise und deutlich, sie drückt sich gewählt aus und gibt immer auch zu erkennen, dass in ihr eine Maschine, eine Sportlerin, eine Kämpferin steckt. Eine, die viel will, sich selbst einiges abverlangt und ihr Team fördert, indem sie die Mitarbeiter:innen fordert. Mitten in ihren Ausführungen erwähnt Lauryn auf einmal Haruki Murakami. What I Talk About When I Talk About Running ist so etwas wie das autobiografische Erfolgsgeheimnis Murakamis und eine Liebeserklärung an das Laufen. Nachdem er in seinen Zwanzigern mit seiner Frau in Tokio eine Jazzbar betrieben hatte, wurde er Schriftsteller, veröffentlichte einen Roman nach dem anderen, begann zu laufen und nahm über Jahrzehnte in eiserner
Disziplin Jahr für Jahr an Marathons teil.
Ich muss schmunzeln. Murakamis Auseinandersetzung mit dem Laufen liegt seit einigen Jahren, mittlerweile vollkommen zerfleddert, auf meinem Nachttisch. Für Menschen, die Sport lieben, kann es fast wie eine Bibel sein. Lauryn zitiert daraus: „Schmerz ist unvermeidlich. Leiden ist optional.“ Elin, die gerade wieder zu uns gekommen ist und uns zugehört hat, lächelt und nickt. Neben aller Motivation und der vom Sport geprägten Disziplin ist Lauryn vor allem eines wichtig: „Authentizität, Empathie und Beziehungsfähigkeit.“ Danach habe sie ihr Team ausgewählt.

SHOWDOWN DINNER
Als das Menü unseren Tisch erreicht, ist an Leiden jedenfalls nicht zu denken. So sieht also das Schlaraffenland aus. In meinem Kopf erklingen auf einmal Mendelssohns Hebriden. Musik, die nach Gischt, Wind und salziger Luft klingt, die Wellen aufbaut und wieder verebben lässt. Genauso dynamisch bewegen sich auch die Gerichte durch den Abend: mal leise, mal kraftvoll, mal überraschend, aber immer mit einer Selbstverständlichkeit, die vergessen lässt, wie viel Anspruch und Können in ihr steckt.

Die Speisekarte im Boca ist veränderlich, prozesshaft, mediterran. Saisonal und immer mit einer kleinen Eigenheit. Um etwas, das zunächst mal zu allem passt, im Glas zu haben, gibt uns Elin einen Pinot Blanc aus dem Elsass zu kosten. Dezent nussig, frische Mandeln, weißer Pfirsich, ein Hauch Honig und die alles umfassenden Mineralnoten lassen ihn ab dem ersten Schluck zur richtigen Wahl werden. Der Signature-Salat, bestehend aus Bittersalaten, Blutorangenfilets, Kürbiskernen und einem Dressing, das dem Gericht einen Rahmen gibt, hat eine erfrischende Klarheit und fügt sich entspannt mit dem Weißwein zusammen. Ein assoziatives Zuckerl für Stephanie stellt sich als Erinnerung ein: der Salat gleicht dem Wintersalat, wie sie ihn ihr Schwarzwälder Großmutter zubereitete.

Das Setup vor unseren Augen gleicht in der Zwischenzeit einem Spielfeld. Neben dem gerade besprochenen Salat hat sich ein Teller mit Makrele auf Paprika-Tomaten-Gazpacho eingefunden. In der Mitte des Arrangements auch etwas Undefinierbares. Weiß und gelb. Ich bin verwirrt, Stephanie kurz angeekelt. Der Geschmack entzieht sich der Einordnung. Wir fragen Martin, der uns zur Menüauswahl beraten hat. Es ist ein gekochtes Ei – Eiweiß und Eigelb separat arrangiert, wie geraspelt. Die kognitive Dissonanz löst sich auf. Wir essen ein zweites Mal, jetzt wissend – und es ist wunderbar. Das Gericht hat uns gezwungen, aufmerksam und demütig zu sein. Neben Verwunderung, Ekel und Überraschung, stellt sich beim nächsten Gericht eine basale und erheiternde Emotion ein. Wie ein kleines Kind freut sich Stephanie über das in Form eines Oktopusses angerichteten Auberginengericht. Wir essen mit den Händen, was für ein Fest. Wir geben uns rebellisch und begreifen nicht nur die konkrete Aubergine mit den Fingern, sondern auch, dass Authentizität im Boca echt echt wirklich erwünscht ist.

Für das nächste Gericht übergibt die Läuferin im Team der Weinbegleitung das Staffelholz an ihre Teamkollegin. Denn zum Iberico-Schwein braucht es Rotwein. Ein Tempranillo aus der spanischen La Mancha, dessen Brombeeraromatik dem Brombeerfarbton der Fassade gleicht und der mit Pfefferanklängen die Haltung bewahrt. Das Fleisch ist so zart, dass es mir auf der Zunge wegschmilzt. Den aromatischen Nachhall lasse ich mit dem würzigen Wein meinen Gaumen hinuntergleiten. Die Luft wird immer dunkler, der Innenhof kleidet sich in seine Abendrobe.
Spätestens jetzt wird die Erotik dieses Raumes spürbar. Nicht im offensichtlichen Sinn. Eher als jenes schwer zu beschreibende Etwas, das Blicke verweilen lässt und Zeit vergessen macht. Sie verbirgt sich im Kerzenlicht ebenso wie im dunklen Bordeauxrot der noch zu sehenden Hausfassade. Sie dringt sanft in meinen Gehörgang über den dumpfen Klang der Gespräche und das Lachen an den Nachbartischen. Der Genuss breitet sich aus und sickert mit jedem Bissen und jedem Schluck durch den Mund in die Tiefe der Körper der Gäste. Die Zeit rückt in den Hintergrund.

Jetzt ist der passende Zeitpunkt für Schaumwein gekommen. Für Champagner. Nicht nur wegen der Uhrzeit, der Stimmung und der Liebe für die Perlage, sondern vor allem, um mit Lauryn anzustoßen, die aus der Küche zu uns kommt. Nachdem wir ein Loblied auf die Küche gesungen und unsere Eindrücke der Speisen mit Lauryn und Elin geteilt haben, stoßen wir mit einem Glas Winzer-Champagner an.

Für den krönenden Abschluss empfiehlt uns die Chefköchin selbst, wie wir uns die Kombination aus Fior-die-Latte-Eis mit Olivenöl und grobem Meersalz zu Gemüte führen sollen. Wir mögen den Löffel mit Gefühl, sanft, aber mit Zug von unten nach oben durch alle Schichten und Konsistenzen ziehen. Als mir diese Komposition sprichwörtlich auf der Zunge zergeht und ich der cremigen Noblesse noch einen Schluck Champagner beimenge, fehlen mir die Worte. Zum Glück spricht Stephanie. Sie bekundet ihre hypofrontale Entzückung und ergänzt treffend, dass Denken in Momenten wie diesen doch fast irrelevant zu sein scheint.

BACKSTAGE “CALYPSO BAR”
Nach dem Dessert ziehen wir in die Calypso-Bar weiter. Beim Betreten bekomme ich erneut das Gefühl, es würde sich um einen Film handeln. Der wohldosierte und dank fabulöser Soundanlage auch ein Gespräch klanglich ummantelnde statt durchbrechende Techno ist wie der Soundtrack dazu. Zum wiederholten Male denke ich an die fantastisch absurden Wes-Anderson-Filme und Szenarien, die ich hier als Reinszenierung erlebe und stelle fest, dass spätestens jetzt Wes Anderson selbst sich die Augen reiben würde, wenn er auch noch Robin ums Eck kommen sehen könnte.

Der Bartender mit dem einladenden Lachen, den glänzenden Augen und dem schwarzen Hut beherrscht das kleine Einmaleins des Late-Night-Service im Schlaf. Sein Outfit unterstreicht seinen Charme, seine sonore Stimme legt sich auf angenehm niedriger Frequenz über die Akustik des Raumes. Ungefragt und ganz südländisch bringt er uns einen Apero in Form von Nüssen und Chips, legt die Karte auf den pittoresken Tisch und beginnt zu erzählen. Oder vielmehr: Es sprudelt aus ihm heraus. Er erklärt uns das Konzept der Bar und eröffnet – im wahrsten Sinne des Wortes – episch: mit dem ältesten und berühmtesten Epos der westlichen Literaturgeschichte, Homers Odyssee. Calypso ist, nach Homer, eine Nymphe, die den schiffbrüchigen Odysseus sieben Jahre festhält. Sie verspricht ihm Unsterblichkeit, wenn er bei ihr bleibt. Odysseus aber will nach Hause. Es ist eine Geschichte über Verlockung und Sehnsucht, ein Sinnbild für Ambivalenz, beispielhaft für die – fachgerecht formuliert – Nähe-Distanz-Regulation.

Wir sind jedenfalls bereit für die Drinks und erkennen anhand der Karte, dass sich die Odyssee auch hier abzubilden scheint. Zwei Drinks von der Karte, die Stationen der Odyssee darstellen,ein alkoholfreies Bier und eine individuell gemixte Kombination später zeigt Robin auf ein Kunstwerk an der Decke: ein langes, umlaufendes Metallband mit Alltagsreliefs – und mittendrin, ganz selbstverständlich, ein Blowjob. Kunst, die Sexualität einschließt statt ausstellt. Sexualität als Teil des Lebens, der Sinnlichkeit, der menschlichen Erfahrung. Kurz denke ich an das Fior-di-Latte-Eis.

Ein präzise komponiertes, von Porsche-Interieurs inspiriertes Farbkonzept bestimmt die Bar: Rot, Schwarz und Metallic. Edelstahl zieht sich entlang des Tresens und setzt sich in den in die Wand eingelassenen Flaschenregalen fort. Ein großformatiges Kunstwerk mit abstrakten schwarzen Fantasiefiguren auf rotem Grund schwebt vor einem roten Samtvorhang, der eine der vier Wände verhüllt und offenlässt, ob sich dahinter noch ein weiterer Raum verbirgt oder ob genau dieses Geheimnis Teil der Inszenierung ist. Die unter den Sitzbänken eingebauten, fein säuberlich abgestimmten Bassboxen übertragen eine subtile Vibration auf die Polstermöbel. Ein multisensorisch erlebbares Schauspiel feinster Sinnlichkeit durchdringt den Raum.

Als wir die Bar verlassen, sind es nur noch ein paar wenige Fenster, die ihre dumpfen, warmen Lichtkegel in den nächtlichen Innenhof werfen. Wir nehmen das Stiegenhaus. Warum sollen wir uns im Spiegel des Fahrstuhls der eigenen Wirklichkeit vergewissern, wenn der Abend schon zum Traum geladen hat.
Am nächsten Morgen weckt mich unsanft ein Wecker, ich habe es eilig. Der Traum ist ausgeträumt. Ich werde ihn erinnern. Als ich den Schlüssel an der Rezeption zurückgebe, strahlt mich einmal mehr einer der vielen freundlichen Menschen dieses Hotels an: „Do you stay for brunch?“ Leider nein.

Wir bedanken uns herzlich und verlassen schweren Herzens den Ort und seine Menschen. Ich stolpere aus dem Hotel und verabschiede mich von Stephanie, die zurück nach Berlin reist. Wie aus dem Traum gefallen, lande ich auf der äußeren Mariahilfer Straße. Wien. Keine Frage. Geschäftiges wie touristisches Treiben zieht mich hinein in die Realität eines heißen Sommers. Ich löse ein Ticket für die Öffis. Bevor ich die Rolltreppe in den Untergrund nehme, drehe ich mich noch einmal zu Companion um und flüstere: „Here’s to visiting you again. Here’s to missing you already. Here’s to you Elin, Lauryn, Robin … Thanks for showing us a fabulous world.“
Boca & Calypso Bar im Hotel The Companion Vienna, Mariahilfer Straße 127a, 1060 Wien.
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Dr. Stephanie Kossow auf Basis eines Aufenthalts und Besuchs im Companion und Boca Ende Mai 2026.



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